Photographische Midlife-Crisis

Über die Jahre ist das Fotografieren für mich ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden. Anfänglich war es nur der Wunsch das Fotografieren richtig zu lernen, indem ich mir die tollen Aufnahmen in Büchern, Kalendern und im Internet betrachtet…

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Photographische Midlife-Crisis

Über die Jahre ist das Fotografieren für mich ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden. Anfänglich war es nur der Wunsch das Fotografieren richtig zu lernen, indem ich mir die tollen Aufnahmen in Büchern, Kalendern und im Internet betrachtet habe. „So sollten meine Bilder künftig auch aussehen!“, waren meine Ziele. Also habe ich mir mit der Zeit verschiedene Techniken und die Tricks zur Gestaltung von Bildern angeeignet, um es genauso, oder zumindest ähnlich, hinzubekommen.

Auch der Aufwand die Bilder zu bestimmten Zeiten an geplanten Orten zu machen hat enorm zugenommen. Ebenso investiert man hierbei (zunächst) eine stolze Summe an Geld für die Ausrüstung und auch um zu bestimmten Plätzen zu kommen. Dann kauft man sich ein weiteres Objektiv oder eine zweite Kamera, um sich dann vor Ort den Kopf zu zerbrechen, was man den eigentlich jetzt auf die nächste Fototour mitnehmen soll. Letztendlich hat man (gefühlt) ja eh immer die falsche Linse drauf oder man quält sich vollgepackt mit zuviel Fotoausrüstung um sich hängend durch den Tag.

Gelegentlich überschreitet man auch die Grenzen und besticht oder belügt Personen nur um an einen bestimmten Ort zu kommen, um eventuell ein »einzigartiges Foto« von einem Ort zu machen. Man träumt schon von der Auszeichnung zum Reisefoto des Jahres, nur um später festzustellen, das es dieses Bild auch schon zigfach und oft noch viel »Schöner« gibt oder es dann auf dem heimischen Bildschirm gar nicht mehr so toll wirkt. Immerhin bekommt man vielleicht noch eine Ordnen von Familie und Freunden mit der Auszeichnung: „Das sind ja tolle Fotos! Hast Du die gemacht?“ bis hin zu: „Bei so einer Kamera ist das ja kein Wunder!“. Notfalls kann man die Bilder ja auch noch bei Flickr & Co. einstellen und sich dort loben und preisen lassen. (Konstruktive) Kritik will dort ohnehin niemand mehr hören und wird dann auch noch gerügt, wenn es den mal eine gibt. Manchmal ist diese Lobhudelei einfach nur noch peinlich zu lesen, weil es einigen scheinbar eh nur darum zu gehen scheint, irgendwelche »Follower« nicht zu verärgern oder einfach neue Anhänger dazu zu gewinnen.

Oftmals hat man das Gefühl, das die Bilder, die man gemacht hat, einfach nur stereotype Aufnahmen sind, von denen es bereits unzählige andere Motive gibt. Die einen besser, die anderen schlechter. Mal ist die Komposition anders oder es wurden ein paar »andere Regler« im geliebten RAW-Konverter bewegt bzw. es wurde einfach das Bild mit Photoshop verfremdet, damit das Bild einen anderen »Look« bekommt und somit doch irgendwie wieder anders wirkt. Aber trotzdem handelt es sich immer wieder um das gleiche Motiv. Bei dem Streben nach dem Wunsch immer »bessere« Bilder von bestimmten Orten (oder Personen) als andere zu machen, verliert man schnell den eigentlichen Blick sich selbst weiterzuentwickeln, um einen eigenen Stil zu finden. Nimmt man beispielsweise meine Bilder von einem Ort wie Venedig her, vergleicht diese mit vielen anderen Webseiten und mischt diese durch, könnte man nicht sagen, welche Bilder davon meine sind. Meistens handelt es sich immer wieder um die gleichen und austauschbare Szenen die schon dutzendfach fotografiert wurden.

Bei all dem Fokus auf die formale Gestaltung und die technischen Diskussionen habe ich mir die Frage gestellt: „Was willst Du mit deinen Fotos eigentlich mitteilen und geben die Fotos eigentlich wieder, wer ich bin und was ich fühle?“. Bei all der Suche nach einer Form der Anerkennung oder Selbstbestätigung immer richtig tolle Bilder zum »Teilen« mitzubringen fehlt vermutlich einfach der Mut einfach mal was anderes zu probieren. Wer will schon hören: „Was soll das den sein?“ oder „Und dazu bist Du soweit gereist?“.

Während eines Fotoworkshops im Frühling bzw. im Winter mit Stefan Mayr in Augsburg bzw. Venedig bin ich zum ersten Mal mit der abstrakteren Fotografie in Berührung gekommen. Stefan motiviert seine Teilnehmer immer dazu, auch mal jenseits der Klischees zu fotografieren und eben einfach mal Mut zu haben etwas anderes zu machen. Ich muß sagen, bei mir ist der Funke zunächst einmal überhaupt nicht so recht übergesprungen, weil ich auf einmal etwas fotografieren soll, was nicht auf dem ersten Blick offensichtlich ist. Ebenso war mir zunächst einfach nicht so recht klar, wie ich das in die Praxis umsetzen sollte.

Aber spätestens nach meiner Venedig-Reise war mir klar, das ich künftig auch was anderes machen wollte. Sicherlich, werde ich weiterhin meine klassischen »Postkartenbilder« machen, aber darüber hinaus soll es jetzt auch etwas »Abstrakter« zugehen und (zumindest für mich) persönlicher werden. Mir ist dabei völlig klar, das hierfür wieder etwas Zeit für die (persönliche) Weiterentwicklung nötig sein wird. Auch werden solche Bilder nicht mehr so häufig mit dem Titel: „Tolle Bilder hast Du da!“ ausgezeichnet. Aber im Grunde fotografiere ich ja auch für mich und nicht für jemanden anderes. Fotografieren für die Seele, würde ich sagen.

Abstrakt?

Was ist bitteschön jetzt die „Abstrakte Fotografie?“ Das hört sich wirklich irgendwie ein wenig nach »Klugscheißer« und zugleich »Kunst« an. Vom technischen Aspekt ist die abstrakte Fotografie allerdings viel subtiler als man zunächst annimmt. Man muß nicht mal dafür verreisen und kann dies auch in den eigenen vier Wänden machen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten abstrakte Bilder zu machen. Die einfachste Form ist Abstraktion durch Nähe. Hierbei geht man ganz nach an ein Motiv heran, bis das Motiv nicht mehr auf den ersten Blick als Ganzes zu erkennen ist.

Eine weitere Möglichkeit der Abstraktion ist es einfach die Perspektive zu ändern. Hierbei fotografiert man ein Bild von einer etwas ungewöhnlichen Perspektive, wodurch es für den Betrachter eventuell auf dem ersten Blick nicht ersichtlich ist, was auf dem Bild zu sehen ist und dafür schon etwas genauer hinsehen muß. Beispielsweise können Sie ein Motiv oder eine Szene durch eine Spiegelung eines Fensters oder einer Wasserpfütze fotografieren. Auch das Fotografieren frontal von oben oder unten kann den Betrachter dazu ermuntern, das Bild etwas länger als die oft üblichen ein bis zwei Sekunden zu betrachten, weil der Blickwinkel hierbei zunächst total fremd ist, was dann auch den Reiz auf ein Bild ausübt.

Die dritte Möglichkeit einer Abstraktion ist es die Unschärfe bewußt einzusetzen. Hierbei kann man entweder gezielt Bildteile unscharf wirken lassen, die man sonst eventuell scharf stellen würden. Ebenso kann man eine komplette Unschärfe im Bild verwenden. Am besten erreicht man dies, wenn man manuell fokussieren. Ziel ist es auch hierbei den Betrachter zum Nachdenken zu zwingen, worum es sich bei dem Bild handeln könnte.

Will man das Ganze dann noch etwas steigern, kann man noch Abstrakter fotografieren, indem man diese Techniken wie beispielsweise Nähe und Unschärfe miteinander kombinieren.

Eine letzte Möglichkeit der Abstraktion, womit ich diesen Artikel abschließen will, ist durch Bewegung. Hierbei stellt man eine eine etwas längere Belichtungszeit an der Kamera ein, während sich das Motiv bewegt und es somit bewußt zu Verwischungen kommt. Dabei kann es auch hilfreich sein, die Kamera auf ein Stativ zu stellen. Hierbei bekommt das Bild bzw. das Motiv eine eigene Dynamik.

Dasselbe Prinzip mit der Bewegung funktioniert natürlich auch ohne ein Motiv, indem man eine längere Belichtungszeit verwenden und stattdessen die Kamera bewegt, dreht oder den Zoom betätigt. Gute Ergebnisse erzielen man hierbei, wenn man die Bewegungen mit der Kamera gleichmäßig in eine Richtung ausführt.

Wenn das noch nicht reicht, kann man eine längere Belichtungszeit einstellen und die Kamera in die Luft werfen. Diese Disziplin wird Camera Tossing (Kamerawurf) genannt und setzt natürlich voraus, das man die Kamera auf jeden Fall wieder auffangen sollten! Aus dem Grund dürfte es wohl besser sein, nicht eine teure Kamera mit einem 70-200mm-Objektiv in die Luft zu werfen.

Fazit

Sicherlich gibt es noch weitere Möglichkeiten der abstrakten Fotografie, aber mit den hier erwähnten Techniken, mit der Nähe, Perspektive, Unschärfe und Bewegung (auch in Kombination) dürfte man viele kreative Möglichkeiten haben, etwas Neues auszuprobieren, wenn die gewöhnlichen Motive zu langweilig geworden sind oder man einfach zur Motivation etwas Abwechslung sucht. Ich bezeichne es einfach als meine »Photographische Midlife-Crisis«, weil ich ohnehin nach einer Zeit wieder zurück zu meiner gewöhnlichen Reisefotografie mit den Postkarten-Motiven zurückkehren werde. Trotzdem macht es viel Spaß zwischendurch einfach mal etwas ganz anderes auszuprobieren.



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